
Solingen erinnert an den 30. Jahrestag des Brandanschlags
Heute (29.05.) vor 30 Jahren zündeten Rechtsradikale in Solingen das Wohnhaus der türkischen Familie Genç an. Fünf Mädchen und Frauen starben. Zum Jahrestag kam Bundespräsident Steinmeier zu einer Gedenkveranstaltung.
Veröffentlicht: Montag, 29.05.2023 17:44
Zum 30. Jahrestag des fremdfeindlichen Brandanschlags an Pfingsten 1993 in Solingen wurde an diesem Montag im Beisein von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier der Opfer gedacht. Rund 600 geladene Gäste nahmen an der nicht öffentlichen Gedenk-Veranstaltung im Theater teil. Auch Bundes-Landwirschaftsminister Cem Özdemir (Grüne), Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU), Vize-Ministerpräsidentin Mona Neubauer und weitere Spitzen der Landesregierung waren dabei. Für die Türkei sprach der stellvertretende Außenminister Yasin Ekrem Serim. Die Reden von Bundespräsident Steinmeier, Ministerpräsident Wüst und Oberbürgermeister Steinmeier dokumentieren wir unten im Originalton. Zum Abschluss der Gedenkfeier wandte sich Özlem Genç, stellvertretend für die Überlebenden, Angehörigen und Nachkommen der Familie, an die Zuhörer. In der sehr emotionale Rede erinnerte sie vor allem an das Vermächtnis von Mevlüde Genç, die nach Brandanschlag immer für Frieden und Versöhnung geworben hat und im Oktober 2022 verstorben ist. Zur Erinnerung an den Anschlag, aber auch an das Wirken von Mevlüde Genç wünscht sich die Familie, dass an der Unteren Wernerstraße eine Gedenkstätte errichtet wird. Derzeit erinnern hier (nur) fünf Kastanien und zwei Gedenktafeln an die Geschehnisse im Mai 1993 und das Haus der Familie, das in Brand gesetzt wurde. Hier die komplette Rede von Özlem Genç:
Die Reden der Gedenkfeier im Original-Ton
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier: "Wer dieses Land wirklich liebt, wird seine Mitmenschen nicht hassen. Auch 30 Jahre nach der grausamen Tat von Solingen sind wir noch immer fassungslos, zornig, traurig. Aber: Wir sind nicht eingeschüchtert, nicht hilflos, nicht tatenlos. Wir teilen die Hoffnung und das Engagement von Mevlüde Genç. Und die Erinnerung an Gürsün İnce, Hatice Genç, Gülüstan Öztürk, Hülya und Saime Genç soll uns darin weiter bestärken."
NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst: "Fünf Mädchen und junge Frauen sind am 29. Mai 1993 gestorben. Nicht durch einen tragischen Unfall. Nicht durch eine Naturkatastrophe. Sondern durch einen heimtückischen Brandanschlag. Ein Anschlag – begangen aus Hass! (...) etwas getan haben? Es ist ein Hass gegen alle, die in den Augen der Täter fremd waren. Noch immer wird von Fremdenfeindlichkeit gesprochen. Ich glaube, das ist ein irreführender Begriff. Es ist Menschenfeindlichkeit."
Oberbürgermeister Tim Kurzbach: „Er (der Brandanschlag) hat uns gelehrt, dass wir nicht wegsehen dürfen, dass wir jedes Anzeichen von Rassismus und Rechtsextremismus unbedingt ernst nehmen müssen. Seit dem Pfingstsamstag 1993 haben wir eine besondere Verantwortung für den Kampf gegen Rassismus und für ein friedliches Miteinander übernommen. Für die ganze Bundesrepublik.“
Weitere Gedenkveranstaltungen
Zuvor wurde ab 9.30 Uhr im Zentrum für verfolgte Künste in Gräfrath eine Ausstellung eröffnet, die an den Anschlag und die Opfer erinnnert. Ab 11 Uhr fand am Ort des Anschlags an der Unteren Wernerstraße eine Andacht der Ditib-Gemeinde mit Mitgliedern der Familie Genc statt. Rund 200 Menschen nahmen nach Polizeiangaben daran teil. Ab 12 Uhr beteiligten sich insgesamt rund 400 Menschen an der Kundgebung des Bündnisses "Solingen 93 - Niemals vergessen". Vom Neumarkt zogen die Teilnehmer friedlich zur Unteren Wernerstraße und anschließend weiter zum Rathaus.
Der Brandanschlag in Solingen
Am 29. Mai 1993 starben in Solingen fünf türkische Mädchen und Frauen, als Rechtsradikale das Wohnhaus der Familie Genç anzündeten: Saime Genç (4), Hülya Genç (9), Gülüstan Öztürk (12), Hatice Genç (18) und Gürsün Ince (27) starben in den Flammen ihres Hauses an der Unteren Wernerstraße. Der Anschlag gilt als eines der schwersten rassistischen Verbrechen in der Geschichte der Bundesrepublik. Die Bilder des ausgebrannten Hauses der Familie Genç gingen 1993 um die Welt.
Unsere Sonderseite mit Beiträgen und Interviews zum 30. Jahrestag des Brandanschlags
Kurz nach der Tat waren vier junge Solinger im Alter zwischen 16 und 23 Jahren festgenommen worden. Sie waren der rechten Szene zuzuordnen und wurden 1995 wegen Mordes verurteilt. Alle sind inzwischen wieder auf einem freien Fuß. Drei der Verurteilten haben vor wenigen Tagen eine schriftliche Erklärung veröffentlicht. Darin beteuern sie ihre Unschuld an der Tat und sprechen den Angehörigen der Opfer ihr Mitgefühl aus.

